Leben ohne Auto in Rifferswil

Der Winter ist für mich die strengste Zeit als Velofahrerin. Schon das Anziehen braucht viel Zeit: Schicht um Schicht, warme Schuhe, dicke Jacke, Stirnband, Handschuhe und zum Schluss eine reflektierende Weste. Wenn es dann noch regnet, kommt die Regenmontur obendrauf. Bei der Arbeit angekommen heisst es eins ums andere ausziehen.

Wenn ich morgens losfahre, liegt eine schwere Dunkelheit über allem. Ich konzentriere mich auf den Lichtkegel meines Fahrrads und bin mit meinen Gedanken ganz bei mir. Es ist die Jahreszeit der Einkehr, der Ruhe. Ich suche Wege abseits der Hauptstrassen, wo die Dunkelheit ganz unverfälscht ist. Viele Tiere halten Winterschlaf, nur ein Fuchs oder ein Reh kreuzen ab und zu meinen Weg. Manchmal höre ich den Ruf eines Käuzchens.

Manchmal führt mich mein Weg über die Autobahn. Dann stelle ich mir vor wie es wohl ist, sich Tag für Tag in den dichten Verkehr einreihen zu müssen – stets höchst konzentriert, schon in den frühen Morgenstunden. Gleichzeitig höre ich, was die anwohnende Bevölkerung aushalten muss: ein steter Lärmpegel, der praktisch nie aufhört. Vielen Menschen ist das nicht bewusst – geschützt im Raum
eines Autos.

Wenn ich in Dachlissen in die Haselnussanlage abzweige, geht mir selbst in der dunklen Jahreszeit das Herz auf. Ich habe miterlebt, wie diese Fläche entstanden ist, welch achtsamer Umgang mit der Natur hier gepflegt wird. Das gestufte Mähregime bietet ganzjährig Unterschlupf und Rückzugsorte für Insekten und Kleintiere. Ich erlebe die Entwicklung der Vogelpopulation: das Braunkehlchen, der Bluthänfling, der Neuntöter – drei seltene Arten, die sich hier wohlfühlen. Und Bauer Gerber, der das alles dokumentiert und sich über meine Beobachtungen freut.

Jetzt ruht die Anlage im Winterschlaf. Die zahlreichen Bäumchen haben einen Kranz voll Laub auf ihren Wurzeln liegen. Ich bin gespannt, wie sich die Vielfalt im kommenden Sommer weiterentwickeln wird.
Am Feierabend fahre ich erneut in die Dunkelheit. Ich muss zugeben ich freue mich unglaublich auf die helleren, längeren Tage. Und doch möchte ich die Zeit in der Dunkelheit und Abgeschiedenheit mit ihrem ganz eigenen Zauber nicht missen.

Veronika Nussbaumer, Rifferswil

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